Saison 2018/2019: Konzert 1

Sonntag, 16. September 2018 WDR-Funkhaus 17 Uhr

Venus & Adonis

John Blow: Venus and Adonis und Songs aus Amphion Anglicus Scherzi musicali Nicolas Achten Scherzi Musicali Sendung auf WDR 3 am 30. September 2018 ab 20:04 Uhr

Um das gegenseitige Verlangen zu steigern, schickt Venus ihren Geliebten Adonis zur Jagd – die für ihn tödlich endet. Neben Tragischem bietet Venus and Adonis, diese wohl erste richtige englische Oper, auch echt britischen Humor – etwa wenn Cupido seinen Amoretten das Buchstabieren beibringt. Das belgischen Alte-Musik-Multitalent Nicolas Achten und sein Ensemble stellen den Komponisten John Blow in zauberhaften Vokalwerken als kongeniales Vorbild seines heute berühmteren Schülers Henry Purcell vor.

Programmfolge

John Blow (1649 – 1708) Songs aus „Amphion Anglicus“ (London 1700) Welcome, welcome ev’ry Guest Loving above Himself Sabina has a thousand Charms Horace to his Lute Go Perjur’d Man Sing, sing ye Muses Pause Venus and Adonis A Masque for the Entertainment of the King (Oxford 1681?)

Englischer Amphion

Es waren unruhige Zeiten, die das englische Königreich im 17. Jahrundert durchlebte. Civil War (1642-49), Commonwealth (1649-60) und Restauration (1660-1689) sind die Stichworte für eine Periode, in der das bald anglikanisch, bald katholische gesonnene Königshaus Stuart in erbitterter Konkurrenz zu einem selbstbewussten Parlament stand, aus dessen Reihen auch der zur Jahrhundertmitte autoritär als Lord Protector regierende Puritaner Oliver Cromwell hervorging. Erst mit der Glorious Revolution von 1689 fand diese Phase politischer Instabilität mit der Inthronisierung von Maria II. und ihrem Ehemann Wilhelm von Oranien zu einem einstweiligen Ende.

Die Chapel Royal als wichtigste Musikinstitution des Königreiches war von den Wechselfällen der Geschichte ganz unmittelbar betroffen. Nach dem Ende der kulturfeindlichen Regentschaft Cromwells sorgte der 1660 vom Parlament zum König erhobene Karl II. erst einmal für den Wiederaufbau und die Neuorganisation seines Klerus und des angegliederten Chores aus Knaben- und Männerstimmen. Zu diesem Zeitpunkt dürfte es dem begabten, aber weitgehend mittellosen elfjährigen John Blow aus Nottinghamshire gelungen sein, eine der in der Regel zwölf Knabensopran-Stellen bei Hofe zu erhalten. Was ihm nicht nur für die kommenden Jahre freie Kost und Logis sicherte, sondern darüber hinaus eine gehobene Schulbildung mit musikalischem Schwerpunkt.

Sein Leben lang blieb Blow der königlichen Hofmusik verbunden. Nach der Ausbildung durch den Sänger Henry Cooke, der bei Hofe das Amt des Masters of the Children versah, sowie durch Christopher Gibbons, einem der drei Organisten der Chapel Royal, wurde Blow im Dezember 1668 mit knapp zwanzig Jahren zum Organisten an Westminster Abbey ernannt und kurz darauf zu einem der königlichen Virginal-Spieler – was für seine besonderen Fähigkeiten auf den Tasteninstrumenten spricht. 1674 trat er als erwachsener Sänger wieder in die königliche Kapelle ein und wurde damit zu einem der illustren Gentlemen of the Chapel Royal. Wenige Monate später wurde er der Nachfolger seines einstigen Knabensopran-Kollegen Pelham Humfrey als Master of the Children, zwei Jahre später beerbte er auch seinen ehemaligen Lehrer Gibbons als Organisten der Kapelle. Spätestens damit nahm Blow auch einen zehn Jahre jüngeren ehemaligen Knabensänger der Kapelle unter seine Fittiche: Henry Purcell, der 1673 in den Stimmbruch gekommen war und seitdem in der Hoffnung auf eine Wiederanstellung dem Instrumentenwart assistierte. Seit 1677 in Canterbury mit dem Titel eines Doctor of Music geehrt, überließ Blow seinem genialischen Schüler zum September 1679 sogar sein Organistenamt an Westminster Abbey – das er im November 1695 nach Purcells frühem Tod dann wieder übernahm. Seit 1685 hatte Purcell neben Blow und William Child auch als Organist der Chapel Royal gedient. Blow wiederum wirkte zwischen 1687 und 1703 zusätzlich als Leiter der Choristen an St. Paul’s Cathedral, außerdem wurde er im Jahr 1700 noch zum Komponisten der Chapel Royal ernannt. Am 1. Oktober 1708 starb mit ihm eine hoch angesehene, im Musikleben Londons für Jahrzehnte nahezu omnipräsente Persönlichkeit. Seine Ruhestätte fand Blow neben Purcell in Westminster Abbey; das Epitaph bezeichnet ihn als Master of the famous Mr H. Purcell – womit schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine musikgeschichtliche Wertung formuliert wurde, die noch heute Bestand hat. Doch sollten die weiteren Worte der Grabinschrift Grund genug sein, den Komponisten gelegentlich aus dem Schatten seines bedeutenden Schülers heraustreten zu lassen: „Seine eigenen musikalischen Kompositionen (insbesondere seine Kirchenmusik) stellen ein weitaus edleres Denkmal dar, als man es je für ihn erbauen könnte“.

Neben der geistlichen Musik hat sich John Blow auch dem weltlichen Repertoire gewidmet, in erster Linie zu musikalischen Vergnügungen bei Hofe, wie sie der kunstsinnige König liebte – entsprechende Anregungen dürfte Karl II. insbesondere aus Frankreich mitgebracht haben, das ihm während der Jahre des Commonwealth längere Zeit als Exil gedient hatte. Zu einem höfischen Fest schrieb Blow Anfang der 1680er Jahre auch Venus and Adonis – A Masque for the Entertainment of the King. Möglicherweise fand die Aufführung in Oxford statt, als sich der Hof nach Unruhen in London im Herbst 1681 dorthin zurückgezogen hatte. Was hier im zeitgenössischen Titel als Maskenspiel bezeichnet wird, stellt nichts Geringeres als die erste englische Oper dar. Denn anders, als man es in England in den musikdramatischen Werken vorangegangener Jahrzehnte praktiziert hatte, verzichtet Blows Vertonung auf jegliche gesprochene Passage. In Ovids Metamorphosen findet sich die Geschichte von der Liebesgöttin Venus, die mit der Absicht, das gegenseitige Verlangen zu steigern, ihren Geliebten Adonis zur Jagd und damit unabsichtlich in den Tod schickt. Blows anonym gebliebener Librettist hat sie in einen Prolog und drei Akte gekleidet. Da tritt mit Cupido als Sohn der Venus ein weiterer Protagonist in Erscheinung, der seinen Amor-Pfeilen die Liebe unter den Sterblichen entfacht. Chöre von Schäfern, Jägern und Grazien bereichern die von Blow in flüssiger Rezitativ- und Arioso-Form gestalteten Monolog- und Dialog-Szenen. Hinzu kommen Tänze und diverse Instrumentalsätze; die Ouvertüre folgt dem damals noch jungen dreiteiligen Modell des französischen Hofkapellmeisters Jean-Baptiste Lully. Ansonsten bedient sich Blow aber bevorzugt einer urenglischen Musiksprache mit Freude an harmonischen Herbheiten; sie speist sich ebenso aus der damaligen anglikanischen Kirchenmusik wie aus der alten Consort-Tradition des Elisabethanischen Zeitalters. Den Schlusspunkt des Werkes setzt nach weniger als einer Stunde Aufführungsdauer ein dissonanzenreiches Lamento der Venus, auf das ein Trauerchor antwortet.

Trotz des tragischen Endes spart das Werk in Text und Musik nicht mit Humor – und über den verfügte offenbar auch der gegenüber amourösen Abenteuern bekanntermaßen aufgeschlossene König: Die Rolle der Venus übernahm in der Uraufführung die Sängerschauspielerin Mary Davis, eine Mätresse Karls, und beider gemeinsame Tochter, Lady Mary Tudor, sang den Venus-Sohn Cupido! Auch den Kapellknaben, denen Blow vorstand, ist im zweiten Akt eine komische Rolle zugewiesen: Als gelehrige Schüler Cupidos haben sie im Chor dessen akkurat buchstabierte Anweisungen zu wiederholen, wie mit gewissen liebesunwilligen Charakteren zu verfahren sei.

Wer Henry Purcells einige Jahre später entstandene Oper Dido and Aeneas kennt, wird Blows Venus and Adonis als wichtige Inspirationsquelle dazu hören. Auch in anderen Musikformen stehen sich der Lehrer Blow und der Schüler Purcell recht nahe. Als ein Orpheus Britannicus ist Purcell in die Geschichte eingegangen, nicht zuletzt dank eines so betitelten Sammeldrucks mit vokaler Kammermusik aus seiner Feder, dessen erster Band posthum 1698 bei Henry Playford in London erschien. John Blow zog zwei Jahre später nach und publizierte im gleichen Verlag einen ähnlichen Band. Dem britischen Orpheus stellte er sich da als englischer Amphion an die Seite – mithin als die andere Gestalt aus der antiken Mythologie, der es gegeben war, die wildesten Tiere mit ihrer Musik zu bezaubern.

Einige Kostproben aus Blows Amphion Anglicus hat das Ensemble Scherzi Musicali der Aufführung von Venus and Adonis vorangestellt. Sie geben uns weitere Einblicke in das unterhaltsame weltliche Repertoire am englischen Hof, an dem sich Sänger und Instrumentalisten zum Entertainmaint of the King und seiner Umgebung zusammenfanden. Offenbar erfreuten sich diese Stücke nach der Druckveröffentlichung auch in den musizierfreudigen bürgerlichen Kreisen großer Beliebtheit. Blow verstand es eben wie Purcell, Lyrisches und Schwungvolles glücklich zu mischen, ohne auf virtuosen Ansprüche zu verzichten.

behe

Mitwirkende

Scherzi Musicali Ltg. Nicolas Achten – Bariton, Harfe, Cembalo heute in folgender Besetzung Deborah Cachet (Venus) – Sopran Wei-Lian Huang (Amor) – Sopran Astrid Stockman – Sopran Leandro Marziotte – Countertenor Romain Bockler (Adonis) – Bariton Sönke Tams Freier – Bass Lambert Colson, Laura Pok – Blockflöte Patrizio Germone, Ortwin Lowyck – Violine Francisco Mañalich – Viola da gamba Edouard Catalan – Bassgeige Solmund Nystabakk – Theorbe, Gitarre Philippe Grisvard – Orgel, Virginal