2025/2026: Konzert 8
Ein deutsches Barock-Requiem
Geistliche Musik aus dem Deutschland des 17. Jahrhunderts von Johann Hermann Schein, Andreas Hammerschmidt, Christian Geist, Tobias Michael, Wolfgang Carl Briegel, Johann Philipp Förtsch u.a. Vox Luminis Lionel Meunier
Sendung auf WDR 3 am 7. Juli 2026 ab 20.03 Uhr
Bei der Textzusammenstellung seines Deutschen Requiems ließ sich der Alte-Musik-Kenner Johannes Brahms von barocken Werken inspirieren, die sich mit den Themen Tod, Trost und Hoffnung befassen. Das international besetzte Vokal- und Instrumentalensemble Vox Luminis um den Basssänger Lionel Meunier verfolgt diesen Weg zurück und findet in Werken des 17. Jahrhunderts von Johann Hermann Schein, Andreas Hammerschmidt und ihren Zeitgenossen bewegende Musik, die angesichts der Vergänglichkeit des Lebens auch heute noch tröstlich stimmen kann.
Programmfolge
Gedenke, Herr, wie es uns gehetfür 5 Singstimmen, 2 Violinen, 2 Gamben und Basso continuo (Altdorf 1663) Thomas Selle (1599 – 1663) Sinfonia
Und da der Sabbath vergangen warfür 2 Violinen, 2 Gamben und Basso continuo (Hamburg um 1650) Johann Hermann Schein (1586 – 1630)
Selig sind, die da geistlich arm sindfür 5 Singstimmen (2 Violinen und 2 Gamben colla parte) und Basso continuo aus Opella nova II (Freiberg 1626 Christian Geist (1650 – 1711)
Die mit Tränen säenfür 5 Singstimmen, 3 Gamben und Basso continuo Trauermusik zum Tod der Anna Margareta Wrangel (Stockholm 1673) Tobias Michael (1592 – 1657)
Die Erlöseten des Herrenfür 5 Singstimmen und Basso continuo aus Musicalische Seelenlust (Leipzig 1634) Wolfgang Carl Briegel (1626 – 1712)
Ach Herr, lehre doch michfür 6 Singstimmen und Basso continuo aus 12 Madrigalische Trost-Gesänge (Gotha 1671) Andreas Hammerschmidt (1611/12 – 1675)
Ach, wie gar nichts sind alle Menschenfür 6 Singstimmen und Basso continuo aus Musicalische Andachten IV (Freiberg 1646) Heinrich Schwemmer (1621 – 1696)
Der Gerechten Seelen sind in Gottes Handfür 5 Singstimmen, 2 Violinen, 2 Gamben und Basso continuo Trauermusik zum Tod des Theologen Johann Michael Dilherr (Nürnberg 1669) Johann Hermann Schein
Wie lieblich sind deine Wohnungenfür 4 Singstimmen und Basso continuo aus Cantional, oder Gesang-Buch Augspurgischer Confession (Leipzig 1627)
Ich will schweigenfür 6 Singstimmen und Basso continuo Threnus. Trauermusik zum Tod der Herzogin Dorothea Maria von Sachsen-Weimar (Jena 1617) Andreas Hammerschmidt
Der Tod ist verschlungenfür 8 Singstimmen, 2 Violinen und Basso continuo aus Musicalische Andachten IV (Freiberg 1646) Johann Philipp Förtsch (1652 – 1732)
Selig sind die Totenfür 5 Singstimmen, 2 Violinen, 2 Gamben und Basso continuo (um 1700) Konzert ohne Pause
Betrachtungen über den Tod
Das Deutsche Requiem von Johannes Brahms nimmt einen besonderen Platz im Herzen vieler Menschen ein, die das Privileg hatten, es im Chor singen zu dürfen. Oft werden Parallelen zwischen diesem Meisterwerk der Romantik und den hochbarocken Musicalischen Exequien von Heinrich Schütz gezogen, denn in beiden Kompositionen findet sich das Prinzip einer geistlichen Komposition, die auf einer Auswahl von Texten aus der Heiligen Schrift beruht, deren Gemeinsamkeit die Beschäftigung mit dem Tod ist. Lionel Meunier und mir ist dann die Idee gekommen, ausgehend von deutschen Kompositionen des 17. Jahrhunderts ein Werk zu schaffen, das dem Deutschen Requiem ähnelt. Wir machten uns also auf die lange Suche nach Kompositionen, die dieselben Texte vertont haben wie Brahms. Ausgehend von den Gefühlen, die ihn bei seiner Auswahl geleitet haben, haben wir uns aber auch für Musik entschieden, deren Text seinen Meditationen über den Tod nahekommen.
Das gilt für die Trauerklag von Andreas Scharmann, die unser deutsches Barock-Requiem eröffnet. Verse aus den Klageliedern des Jeremias bilden hier den Text. Über den Komponisten ist weiter nichts bekannt; auf der Handschrift aus Altdorf, dem Universitätsort vor den Toren Nürnbergs, steht die Jahreszahl 1663.
Ansonsten folgen wir Schritt für Schritt der Reihenfolge bei Brahms. In der Eröffnung Selig sind, die da Leid tragen verband er den zweiten Vers der Seligpreisungen aus dem Matthäus-Evangelium mit Versen aus Psalm 126. Wir beginnen mit einer fünfstimmigen madrigalischen Motette des Leipziger Thomaskantors Johann Hermann Schein, die den vollständigen Text der Seligpreisungen vertont. Ihr geht als Instrumentalvorspiel eine Sinfonia des Hamburger Musikdirektors Thomas Selle voraus. Für den Text Die mit Tränen säen verwenden wir eine Komposition von Christian Geist. Sie enthält einen Vers aus dem Psalm 126, einen Vers aus dem Buch der Weisheit und freie Dichtung aus der Feder von Geists Bruder Samuel. Das spiegelt gewissermaßen die Collage verschiedener Texte bei Brahms. Das Stück wurde anscheinend 1673 für die Beerdigung einer gewissen Anna Margareta Wrangel komponiert, als Geist in Diensten des Stockholmer Hofes stand.
Was die zweite Nummer des Requiems von Brahms betrifft, wird hier nur der letzte Teil des Textes durch eine barocke Komposition vertreten: Die Erlöseten des Herren. Diese Motette stammt aus der Sammlung Musicalische Seelenlust von Tobias Michael aus dem Jahr 1634. Der aus Dresden stammende Komponist war Scheins Nachfolger in Leipzig.
Drei weitere barocke Kompositionen ermöglichen es uns, die dritte Nummer des Deutschen Requiems zu veranschaulichen: Herre, lehre doch mich stammt aus der Sammlung Zwölff Madrigalische Trost-Gesänge des Darmstädter Hofkapellmeisters Wolfgang Carl Briegel von 1671. Ach wir gar nichts findet sich im vierten Teil der Musicalischen Andachten (1646) von Andreas Hammerschmidt, der seine Tätigkeit hauptsächlich in Zittau ausübte. Auf diese polyphonen Werke folgt eine Trauermusik mit Instrumenten von Heinrich Schwemmer. Er war Kantor an St. Sebald in Nürnberg, und schrieb die Komposition 1669 zum Tod des dortigen Predigers Johann Michael Dilherr. Wieder ist der Text aus mehreren Bibelstellen sowie freier Dichtung zusammengefügt.
Für den vierten Teil des Brahms‘schen
Modells, Verse aus Psalm 84, fiel unsere Wahl wieder auf ein Werk von Johann Hermann
Schein, diesmal aus dem Cantional von 1627. Trotz aller unserer Recherchen
war es uns aber nicht möglich, eine Komposition zu finden, die den Texten des fünften
Teils im Deutschen Requiem entspricht. Daher steht an dieser Stelle Scheins Trauermotette
Ich will schweigen aus dem Jahr 1617. Ihr Text endet mit der Anrufung Ach wie
gar nichts sind alle Menschen
, die auch im zweiten Teil des Deutschen Requiems
zu finden ist.
Als Gegenüberstellung zum sechsten Teil wählten wir die glanzvolle
Motette Der Tod ist verschlungen von Andreas Hammerschmidt. Brahms verwendete
diesen Text vor der Schlussfuge dieses Satzes. In der Fassung von Hammerschmidt ergänzen
die Rufe Victoria! Alleluja!
und Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt!
den
Text. Das Werk ist für Doppelchor und Basso continuo mit zwei Violinen geschrieben,
die die vom ersten Chor gesungenen Siegesrufe verstärken.
Übersetzung: Silvia Berutti-Ronelt