2026/2027: Konzert 2
Veränderte Reprisen
Tastenmusik von Wilhelm Friedemann Bach, Wilhelm Hieronymus Pachelbel und Joseph Haydn Léon Berben - Cembalo
Sendung auf WDR 3 am 12.01.2027 ab 20.03 Uhr
Das Verändern beym Wiederholen ist heut zu Tage unentbehrlich
, betont Carl
Philipp Emanuel Bach im Vorwort zu den Tastensonaten, die er 1785 herausgab; dabei
bezieht er sich aber keineswegs nur auf die eigenen Kompositionen. Léon Berben
widmet sich dem freien Variieren jetzt in Sonaten von Wilhelm Friedemann Bach,
dem älteren Bruder Philipp Emanuels, von Joseph Haydn und Wilhelm Hieronymus Pachelbel.
Der war der älteste Sohn des Nürnberger Organisten Johann Pachelbel, und seine
Musik wiederzuentdecken, ist absolut lohnenswert.
Programmfolge
Mit Veränderungen und Auszierungen
„Das Verändern beym Wiederholen ist heut zu Tage unentbehrlich. Man will beynahe jeden Gedanken in der Wiederholung verändert wissen, ohne allezeit zu untersuchen, ob solches die Einrichtung des Stücks und die Fähigkeit des Ausführers erlaubt. Was entsteht nicht daher für ein Mißbrauch dieser wirklichen Zierden der Ausführung!“ – Eine Krise der Reprise beklagt da im Juli 1759 der königlich-preußische Kammercembalist Carl Philipp Emanuel Bach im Vorwort zu einem Druck mit Sechs Sonaten für Clavier mit veränderten Reprisen. Darin führt er verschiedenste Möglichkeiten vor, das Notierte geschmackvoll zu verändern und auszuzieren. Denn das wurde erwartet, wenn in Sätzen einzelne Abschnitte zu wiederholen waren. In seiner berühmten Lehrschrift Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen legt der zweitälteste Sohn Johann Sebastian Bachs schon 1753 die Aufgabe solcher Auszierungen eindrücklich dar: „Sie hängen die Noten zusammen; sie beleben sie; sie geben ihnen, wenn es nöthig ist, einen besondern Nachdruck und Gewicht; sie machen sie gefällig und erwecken folglich eine besondere Aufmerksamkeit; sie helffen ihren Inhalt erklären; es mag dieser traurig oder frölich oder sonst beschaffen seyn wie er will, so tragen sie allezeit das ihrige darzu bei; ... da hingegen der beste Gesang ohne sie leer und einfältig, und der kläreste Inhalt davon allezeit undeutlich erscheinen mag.“
Die Selbstverständlichkeiten des Improvisierens und stegreifartigen Ornamentierens gingen später verloren in der akademisch geprägten Welt der Konservatorien und Urtext-Ausgaben. Dank vielfach überlieferter historischer Beispiele lässt sich die alte Praxis aber wiedergewinnen für eine heutige Aufführungsweise nach den Vorstellungen des 18. Jahrhunderts.
Dieses Ziel verfolgt auch Léon Berben in seinem Programm. Er eröffnet es mit dem Präludium h-Moll BWV 923 von Johann Sebastian Bach, in dem das Cembalo den Klangrausch des Arpeggio-Spiels in zergliederten Akkorden ausgiebig entfalten darf. Dabei hat Bach auf weite Strecken nur die Akkorde selbst notiert und nicht die genaue Abfolge und Rhythmisierung der Töne. Geschweige denn die Tempo-Nuancierungen, die zur Wirkung eines solchen Klangflächen- Präludiums ebenfalls beitragen. In einer ersten Druckausgabe wies man das Stück 1826 in Berlin bemerkenswerterweise dem Bach-Zeitgenossen Wilhelm Hieronymus Pachelbel zu. Die Kompositionskunst des Sohnes und späteren Nachfolgers von Johann Pachelbel als Organist an der Nürnberger Sebalduskirche stand offenbar noch im 19. Jahrhundert auch fern seiner Wirkungsstätte in hohem Ansehen.
Das Präludium von Vater Bach können wir jetzt als kunstvolle Intonation zur Sonatensprache seines Sohnes Carl Philipp Emanuel hören. Der erteilte dem jungen württembergischen Thronfolger Carl Eugen Clavier-Unterricht während dessen Jugendjahren am Berliner Hof unter der Aufsicht Friedrichs II. Bach widmete dem Prinzen sechs solche anspruchsvollen Sonaten. Léon Berben greift in seiner Interpretation der Sonate h-Moll aber nicht auf den 1744 erschienenen Berliner Erstdruck dieser Württembergischen Sonaten zurück, sondern auf die ausführlichen handschriftlichen Veränderungen und Auszierungen, die Carl Philipp Emanuel in einer Lose-Blatt-Sammlung aus den 1760er Jahren notierte. Da erklingen also die Ornamente nach den Idealvorstellungen des Komponisten.
Der modernen Sonaten-Form mit ihren drei im Charakter kontrastierenden Sätzen folgt auch der vier Jahre ältere Bruder Wilhelm Friedemann Bach in jener Sonata per il Cembalo, mit der er 1745 als Komponist an die Öffentlichkeit trat; damals war er Organist an der Dresdner Sophienkirche. Gewidmet ist sie dem Arzt und preußischen Geheimrat Georg Ernst Stahl in Berlin, einem guten Freund der Bach-Familie. So kompositorisch dicht und technisch herausfordernd das Werk auch angelegt ist, eröffnen sich in seinen melodischen Linien doch immer wieder die Möglichkeiten zur spontanen ornamentalen Ausgestaltung.
Ebenfalls in Dresden widmete der Hofmusiker Christlieb Siegmund Binder seinen ersten Sonatendruck 1759 der musikbegeisterten sächsischen Kurprinzen-Gattin Maria Antonia Walpurgis von Bayern. Die Sonata a-Moll, das vorletzte Werk des sechsteiligen Zyklus, trumpft erst einmal mit pathetischen Arpeggio-Folgen auf, an die sich bald durchsichtigere Abschnitte in eher melancholischem Ton anschließen. Auf einen galanten Mittelsatz in Dur folgt ein virtuoses zweiteiliges Scherzo-Finale, das ausgiebig Gelegenheit zur variativen Ausschmückung der Reprisen bietet.
Eingerahmt wird Binders Sonate jetzt durch zwei fast zur gleichen Zeit entstandene Cembalokompositionen von Joseph Haydn, seit 1761 leitender Hofmusiker des Fürstenhauses Esterházy in Eisenstadt. In ihrem galanten Ton ist Haydns Tastenmusik den zeitgenössischen Werken aus Dresden und Berlin durchaus ähnlich, doch scheint ihm die melodiöse Führung der Oberstimme besonders wichtig zu sein. So wirkt das g-Moll-Largo aus seiner Partita B-Dur wie eine getragene Arie ohne Worte. In den Rahmensätzen dieser Komposition und im Divertimento D-Dur findet sich noch einmal reichlich Gelegenheit zum Variieren – sei es in den Wiederholungen der zweigliedrigen Eröffnung, sei es in den Finalsätzen, die als Menuette mit zwischengeschaltetem Trio angelegt sind.
Mitwirkende
Im heutigen Konzert spielt Léon Berben ein Cembalo von Keith Hill (1999) nach Johannes Ruckers / Antoine Vater (1624 / um 1720).