Saison 2016/2017: Konzert 5

Sonntag, 29. Januar 2017 Trinitatiskirche 17 Uhr

Harmonisches Gotteslob

Geistliche und weltliche Kammermusik von Georg Philipp Telemann Klaus Mertens – Bassbariton Thomas Fritzsch – Viola da gamba Stefan Maass – Barocklaute Michael Schönheit – Orgel, Cembalo Klaus Mertens
Sendung auf WDR 3 am 8. März 2017 ab 20:04 Uhr
Karten auch über KölnTicket

Georg Philipp Telemann war der berühmteste deutsche Komponist seiner Zeit – und er besaß ein untrügliches Gespür für die Bedürfnisse des Musikmarktes. So hat er auch einen damals wichtigen Bereich des Musiklebens ausgiebig mit Liedern, Arien und Instrumentalwerken bedacht, der heute meist nur am Rande wahrgenommen wird: die geistliche Hausandacht. Der Bariton Klaus Mertens und seine instrumentalen Begleiter spüren dieser Form des harmonischen Gotteslobs nach, zu der Thomas Fritzsch weitere Telemann-Trouvaillen beisteuert: verschollen geglaubte Fantasien für Gambe solo, die er kürzlich in einem Privatarchiv fand.

Programmfolge

Georg Philipp Telemann (1681-1767)

Am 4. Sonntag nach der Erscheinung Christi
Choralvariationen Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir
[August Kühnel (1645 - um 1700); mit eingeschobenen Dicta]
Aria Hörst du so gar nicht unser Schreien TWV 1:737a
Choralvariationen Herr Jesu Christ, das gläub ich doch
[August Kühnel]

Fantasie Nr. 7 g-Moll für Viola da gamba solo TWV 40:32
Andante – Vivace – Allegro

Am 7. Sonntag nach Trinitatis
Dictum Herr, wie sind deine Werke so groß und viel
Aria Auch der Mangel wird zum Überfluss TWV 1:780a
Choral Gott hat die Erde zugericht TWV 10:1
Dictum Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist
Aria Reiche mir dein Himmel-Brot TWV 1:780a
Choral Weide mich, und mach mich satt TWV 10:1

Fantasia Nr. 2 D-Dur für Viola da gamba solo TWV 40:27
Vivace / Andante / Vivace – Presto

Am 20. Sonntag nach Trinitatis
Dictum Wir sind allesamt wie die Unreinen
Choral Wie schön leucht uns der Morgenstern TWV 31:37
Dictum Der Herr wird ein neues im Lande schaffen
Choral Wie schön leuchtet der Morgenstern TWV 31:38
Dictum Ich freue mich im Herrn
Aria Prang’ im Golde, stolze Welt TWV 1:1675a
Poesie Ich heiße Jesus-Braut
Aria Geziert in seinem eignen Schmucke TWV 1:1675a
Choral Wie bin ich doch so herzlich froh TWV 10:1

Pause

Am Neujahrstag
Choral Ach Gott, wie manches Herzeleid TWV 31:2
Dictum Gott hat Jesum erhöhet
Aria Gebenedeiter Weibessame TWV 1:605a
Choral Jesu, mein Herr und Gott allein TWV 31:1

Fantasia Nr. 1 c-Moll für Viola da gamba solo TWV 40:26
Adagio / Allegro / Adagio / Allegro – Allegro

Am Sonntag Invocavit
Dictum Seid stark in dem Herrn
Choral Führ uns, Herr, in Versuchung nicht TWV 31:2
Aria Auf zum Streiten, auf zum Siegen TWV 1:1280a
Choral Und wenn die Welt voll Teufel wär TWV 10:1

Fantasia Nr. 4 F-Dur für Viola da gamba solo TWV 40:29
Vivace – Grave – Allegro

Am 11. Sonntage nach Trinitatis
Dictum Meine Sünden haben mich ergriffen
Choral O Jesu voller Gnad TWV 10:1
Aria Weinend, seufzend, ächzend, klagend TWV 1:1466a
Choral Herr, es steht in deinen Händen TWV 10:1

Konzeption und Instrumentierung: Thomas Fritzsch

Unternehmungsfreudiges Musikgenie

Es wird aus allen Umständen erhellen, daß Gott und Natur mich zur Music recht gezogen haben, und also dieses dadurch bestätiget, quod Musici nascentur, non fiant.

Zum Musiker werde man schon geboren, das könne man nicht erst werden – so lautet ein persönliches Fazit, das Georg Philipp Telemann im September 1718 in einem Brief an den Hamburger Kollegen Johann Mattheson zog. Telemann erblickte am 14. März 1681 in Magdeburg das Licht der Welt. Im Laufe seines 86-jährigen Lebens sollte sein unerschöpflicher Einfallsreichtum ein eindrucksvolles Erbe von mehr als 3.000 Werken hervorbringen. Als musikalischer Autodidakt war Telemann vielseitig interessiert. Er besaß offenbar schon in der Schulzeit, die er in seiner Heimatstadt, in Zellerfeld und Hildesheim verbrachte, einen enormen Ehrgeiz und komponierte beinahe im Wochentakt Kantaten und Instrumentalwerke, die er selbst aufführte.

Als Zwanzigjähriger begann er an der Leipziger Universität ein Jurastudium. Unter seinen Kommilitonen verbreitete sich das Wissen um seine musikalischen Talente schnell, und so kam es, dass er sich im musizierfreudigen Leipzig vor Anfragen kaum retten konnte. Dies nahm er zum Anlass, sich fortan ausschließlich der Musik zu widmen. In Folge der Aufführung einer Psalmkomposition aus seiner Feder in der Leipziger Thomaskirche nahm sein professioneller Werdegang rasch Fahrt auf: Der progressive Bürgermeister Franz Conrad Romanus beauftragte ihn fortan mit der Komposition zweier gut honorierter kirchlicher Werke pro Monat für die Thomaskirche. Als Telemann Leipzig nach vier Jahren verließ, hatte er sich außerdem als Musikdirektor der Universitätskirche verdient gemacht, ein öffentlich auftretendes studentisches Collegium musicum ins Leben gerufen und an der Oper als Intendant, Komponist und Sänger gewirkt. Durch diese umfassenden Tätigkeiten in der kirchlichen und der weltlichen Musik hatte er seine Fähigkeiten perfektioniert und stand inzwischen im Ruf eines musikalischen Universalgenies.

Danach bekleidete er Kapellmeister-Ämter an den Höfen von Sorau und Eisenach. In diese Zeit fällt auch die erste persönliche Begegnung mit Johann Sebastian Bach, der seit 1708 in Weimar Hoforganist war und bei dessen zweitem Sohn Carl Philipp Emanuel er 1714 die Patenschaft übernahm. Da war Telemann aber schon zwei Jahre lang Musikdirektor in Frankfurt am Main. Während seiner achtjährigen Tätigkeit dort, in der er die beiden Hauptkirchen mit Musik versorgte, schuf er auch eine Vielzahl weltlicher Kantaten und instrumentaler Werke und organisierte die wöchentlichen Konzertveranstaltungen der patrizischen Gesellschaft Frauenstein.

Wenngleich er in den ersten Lebensjahrzehnten häufig seinen Wohnort wechselte, blieb Telemann doch stets in bester Erinnerung, und so verwundert es nicht weiter, dass er nach seinem Weggang vom Eisenacher Hof zum Kapellmeister von Haus aus ernannt wurde. Diese Funktion behielt er bis 1729 bei. Sein allseitiger Erfolg gründete auch auf diplomatischem Geschick. Die Frankfurter Stadtväter kamen seinen Forderungen stets entgegen, und so schlug er andere Angebote aus – bis ihm Hamburg 1721 das Amt des Musikdirektors der fünf städtischen Hauptkirchen antrug, die bedeutendste Stellung in der damaligen deutschen Kirchenmusik. Sicher fühlte er sich auch durch die berühmte Hamburger Oper angezogen.

Er, der bislang ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen schien, blieb 46 Jahre an dieser seiner letzten Lebensstation - sieht man von einem spektakulären Gastspiel in Paris 1737/38 ab. Als er 1722 in Leipzig einstimmig ausgewählt wurde, das Amt des verstorbenen Thomaskantors Johann Kuhnau zu übernehmen, stellte er hohe Bleibeforderungen in Hamburg, denen die dortigen Ratsherren auch nachkamen. So wurde schließlich Johann Sebastian Bach nach Leipzig berufen.

Telemann hat daran mitgewirkt, dass Hamburg zu einer der lebendigsten Städte des öffentlichen Konzertlebens avancierte. So hielt er auch 15 Jahre die Position des musikalischen Oberleiters der Oper am Gänsemarkt, und wie in Frankfurt veranstaltete er wöchentlich Konzerte – zunächst an verschiedenen Örtlichkeiten, bevor er 1761 das erste Hamburger Konzertgebäude am Valentinskamp eröffnete und dorthin übersiedelte.

Nicht unerwähnt bleiben darf auch Telemanns Tätigkeit als erfolgreicher Verleger der eigenen Werke und als Begründer der ersten deutschen Abonnementreihe für Noten, Der getreue Music-Meister (1728). Zu den seinerzeit besonders geschätzten und verbreiteten Publikationen zählt der ein ganzes Kirchenjahr abdeckende Zyklus von 72 kammermusikalisch besetzten geistlichen Solokantaten, den er 1725/26 unter dem Titel Harmonischer Gottes-Dienst veröffentlichte.

Seine erste Oper hatte der Unermüdliche eigener Aussage nach mit zwölf Jahren angefertigt. Als 84-Jähriger schuf er sein letztes vollendetes Werk, die Ino-Kantate. Er verstarb am 25. Juni 1767 über dem Komponieren. Wer Telemanns Leben überblickt, erkennt einen überaus vielseitigen Musiker, der neben seiner kompositorischen Tätigkeit das gesamte musikalische Leben seiner Zeit beeinflusste. Man kann ihn im also auch das frühe Beispiel eines neuzeitlichen Musikunternehmers sehen.

Elizaveta Solovey
Der Textbeitrag von Elizaveta Solovey entstand im Rahmen einer Zusammenarbeit von musik + konzept e.V. mit dem Master-Studiengang Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik und Tanz Köln (Vertr.-Prof. Dr. Corinna Herr).

Eine Telemannische Hauspostille

Unmittelbar nach Abschluss des Harmonischen Gottes-Dienstes veröffentlichte Georg Philipp Telemann im Jahre 1727 in Hamburg einen Jahrgang geistlicher Arien unter dem sperrigen Titel Auszug derjenigen musicalischen Arien, welche in den Hamburgischen Haupt-Kirchen durchs 1727te Jahr vor der Predigt s[o] G[ott] w[ill] aufzuführen sind, bestehend aus einer Sing-Stimme, nebst dem Generalbasse. Dieser Druck stellt einen Auszug aus den Kirchenmusiken des im Kirchenjahr 1726/27 in Hamburg, Eisenach und Frankfurt am Main erstaufgeführten Jahrgangs nach Dichtungen von Johann Friedrich Helbig dar, der heute nach dem Frankfurter Textdruck Harmonisches Lob Gottes genannt wird. Mit diesem Arienauszug-Druck folgte Telemann der von der Oper her bekannten publizistischen Strategie zur separaten Veröffentlichung ausgewählter Arien eines größeren Werkes, die er hier erstmals auf die Kirchenmusik übertrug. Der Umstand, dass die Kirchenmusiken des für Eisenach bestimmten Jahrgangs 1726/27 zeitgleich auch in Frankfurt am Main, anscheinend ebenfalls in Hamburg und 1729/30 auch von der Hochgräflichen Hofkapelle zu Roßla nahe Stolberg musiziert wurden, sorgte für eine weite Verbreitung dieses Kantaten-Jahrgangs und nachfolgend für anhaltendes Kaufinteresse an dem Arienauszug-Druck. Dass es Telemann mit dessen Veröffentlichung um weit mehr als nur verlegerischen Erfolg ging, verdeutlichen seine Hinweise zu dessen Anlage und Zweckbestimmung in der auf den 7. Januar 1727 datierten Vorrede: Wannenhero ich mich denn dadurch beydes angetrieben und verpflichtet gesehen, meine Feder zum Nutzen des Nächsten abermals, und zwar also, zu beschäftigen, daß die itzige Arbeit, an statt, daß die vorige [Der Harmonische Gottes-Dienst] mehr den öffentlichen als Privat-Gebrauch zur Absicht gehabt, ins besondere auf den leztern gerichtet seyn mögte; und ob zwar diese Arien im Original mit Instrumenten begleitet werden, so hat man doch die Bässe allhier so abgefasset, daß jener ihr Abgang verhoffentlich nicht vermisset werden wird.

Deutlich reagierte Telemann mit der Betonung des Privaten auf sich anbahnende Wandlungen in der Frömmigkeitspraxis. Mit dem durch vielfältige Bearbeitungsverfahren neugeschaffenen Andachtsjahrgang schuf er perfekt zugeschnittene geistliche Arien zur Verwendung im häuslichen Bereich und in der Privatandacht. Bildhafte Darstellungen in Gesang- und Andachtsbüchern dieser Zeit vermitteln uns Vorbilder für das bei Hausandachten und zur Begleitung häuslichen Singens eingesetzte Instrumentarium; die schwer zu überblickende Fülle an protestantischen Andachtsbüchern gewährt uns zudem Einblick in die wesentlichen Elemente solcher Andachten im Familienkreis: Schriftlesung, Choral, freie Dichtung, geistliche Arie. Ausgestattet mit diesen Einsichten und den bei der Entdeckung und Ersteinspielung des Telemannischen Gesangsbuchs (Hamburg 1730) gewonnenen Erfahrungen habe ich auf der Grundlage des 1727er Jahrgangs der Arienauszüge und komplementärer Werke wie z. B. Erdmann Neumeisters Fünffache Kirchen-Andachten eine Konzeption von kurzen Hausandachten erarbeitet, diese nach Telemanns Vorbild sinnfällig und abwechslungsreich instrumentiert und zu einem genussvollen Hören als Telemannische Hauspostille zusammengestellt.

Thomas Fritzsch

Mitwirkende

Klaus Mertens – Bassbariton
Thomas Fritzsch – Viola da gamba
Stefan Maass – Barocklaute
Michael Schönheit – Orgel, Cembalo