Saison 2016/2017: Konzert 6

Sonntag, 19. Februar 2017 Fronleichnamskirche der Ursulinen 17 Uhr

Sweelinck, der Organistenmacher

Virtuose Tastenkunst des 17. Jahrhunderts von Jan Pieterszoon Sweelinck, Melchior Schildt, Delphin Strungk, Matthias Weckmann und Dietrich Buxtehude Léon Berben – Orgel Léon Berben Sendung auf WDR 3 am 14. März 2017 ab 20.04 Uhr
Karten auch über KölnTicket

Um 1600 gaben sich die deutschen Tasten-Talente beim Amsterdamer Orgelmeister Jan Pieterszoon Sweelinck die Klinke in die Hand, um zu erfahren, wie man am virtuosesten improvisierte und am gehaltvollsten komponierte. Nach Hause zurückgekehrt, fanden sie ihrerseits lernwillige Schüler, die sich die neuartige Kunst der Fantasien, Toccaten und Lied-Variationen durchaus kreativ anverwandelten. Den Spuren der Sweelinck’schen Kunst folgt der Niederländer und Wahl-Kölner Léon Berben jetzt bis hin zu Dietrich Buxtehude in Lübeck, und er hat dazu in der barocken Fronleichnamskirche der Ursulinen das ideale Instrument unter seinen Händen und Füßen.

Programmfolge

Anonymus (Lüneburger Orgeltabulatur, Mitte 17. Jahrhundert) Praeludium a 5 Vocum in G Jan Pieterszoon Sweelinck (1562–1621) Fantasia cromatica SwWV 258 Melchior Schildt (1592–1667) Paduana Lachrymae (nach John Dowland) Delphin Strungk (1601–1694) Magnificat noni toni Meine Seele erhebt den Herren  Primus Versus. Pedaliter  Secundus Versus, auff 2 Clavier. Manualiter  Tertius Versus, auff 2 Clavier. Manualiter Heinrich Scheidemann (um 1595–1663) Praeambulum in d Matthias Weckmann (1616–1674) Zwei Variationen über Lucidor einß hütt der Schaf Anonymus (Camphuysen-Manuskript, Niederlande, um 1630) Drei Variationen über Daphne Jan Pieterszoon Sweelinck Sechs Variationen über Erbarm dich mein, o Herre Gott SwWV 303 Dietrich Buxtehude (1637–1707) Praeludium in C BuxWV 138

Amsterdamer Meisterschüler

Die Musik des protestantischen Norddeutschlands im 17. Jahrhundert mag für heutige Hörer ungewohnt klingen, ernst und komplex. Doch wer genauer hinhört, wird eine ganz eigene Welt zwischen der meisterhaften Polyphonie-Tradition der Renaissance und dem zunehmenden Bedürfnis der Barockzeit nach musikalischem Ausdruck entdecken.

Bedauerlicherweise sind heute viele Werke bekannter Meister dieser Zeit verschollen. Andererseits existieren Sammelbände, deren Komponisten nicht bekannt sind. So ist die Lüneburger Orgeltabulatur eine Sammlung aus zumeist mehrstimmigen Vokalsätzen bekannter Kirchenlieder und einigen Präludien in griffgerechter Tabulaturschrift. Die hier verwendete Neue deutsche Orgeltabulatur tritt seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Erscheinung und diente über die tastenspezifische Darstellung von Musik hinaus als allgemein gültige Kurzschrift, in der auch andere Instrumental- und ebenso Vokalpartituren notiert wurden. Durch eine Kombination aus Buchstaben und Zahlen wird hierbei für jede Stimme Tonhöhe, Tondauer und Oktavlage angegeben. Häufig findet für sie auch der Begriff Norddeutsche Orgeltabulatur Verwendung, bezeichnend für die Norddeutsche Orgelschule, in der sie regen Gebrauch fand.

Die Norddeutsche Orgelschule stellt eine Stilrichtung der Orgelmusik aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert dar, deren Zentren vornehmlich in Hamburg, Lübeck, Bremen, Lüneburg und Stade lagen. Der rege Fortschritt im Orgelbau ermöglichte den Organisten eine beachtliche Virtuosität sowohl manualiter als auch im Pedalspiel und eine große Variabilität in der Klangfarbe. Als Künstlerpersönlichkeit hatte Jan Pieterszoon Sweelinck den größten Einfluss auf die nachfolgenden Generationen von Organisten und Komponisten. Der älteste Sohn eines in Deventer und Amsterdam tätigen Organisten zählte viele Meister der Norddeutschen Orgelschule zu seinen Schülern, weshalb ihm der Hamburger Musikschriftsteller Johann Mattheson im 18. Jahrhundert den scherzhaften Beinamen Organistenmacher gab. Auch aus anderen Ländern Europas kamen Musiker, um bei ihm Unterricht zu nehmen. Seine Improvisationen in der Oude Kerk außerhalb der Gottesdienste waren fester Bestandteil des Amsterdamer Musiklebens.

Sweelincks kompositorischer Stil zeichnet sich besonders durch die Verbindung von kontrapunktischen Kompositionstechniken mit Figurationen und Koloraturen aus. Davon ist seine Fantasia chromatica, eine frühen Form der Fuge, besonders geprägt. Der Komponist versteht es, das zu Beginn vorgestellte Thema auf geschickteste Weise in ein immer wieder anderes Licht zu rücken und ihm im wahrsten Sinne des griechischen Wortes chroma sämtliche musikalischen Farben zu entlocken, die man sich wohl zur damaligen Zeit erdenken konnte. Er beweist eine beeindruckende Virtuosität am Instrument, aber zugleich ein großes Verständnis der kontrapunktischen Diminutionstechnik, einer die Noten umspielenden Verzierungsweise. Dennoch beschleicht den Hörer zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, er habe es mit einer bloßen Geistesübung oder einem sinnentleerten Bravour-Stück zu tun – jede Note ordnet sich dem musikalischen Denken als übergeordneter Logik unter.

Besonders ausdrucksstark und leidenschaftlich zu komponieren vermochte Sweelincks englischer Zeitgenosse John Dowland. Sein Lied Flow My Tears erlangte rasch große Berühmtheit, wurde von vielen Komponisten bearbeitet und ist noch heute sein bekanntestes Werk. Die äußerst melancholische Komposition, ursprünglich als Lachrimae Pavane für Laute veröffentlicht, besteht aus drei Abschnitten, die jeweils unmittelbar wiederholt werden. Der aus Hannover stammende Organist und Sweelinck-Schüler Melchior Schildt hält sich in seiner Bearbeitung zu Beginn der Abschnitte jeweils eng am Original, bedient sich aber bei den direkten Wiederholungen ausgiebiger der figurativen Umspielung der melodischen Linien. So wirkt jeder Abschnitt wie ein kleines Paar aus Thema und Variation.

Schildts erste bekannte Anstellung als Organist war an der Marienkirche in Wolfenbüttel. Nach ihm übernahm der Organist und Komponist Delphin Strungk diese Stelle. In den Gottesdiensten war es üblich, die Psalmen oder auch das Magnificat, den Lobgesang Marias, alternierend zwischen Gesang und Orgel auszuführen. Dabei spielte die Orgel Versetten, die den Cantus firmus im jeweiligen Psalmton mehrstimmig ausarbeiten. Auf dem neunten Ton, dem tonus peregrinus, wurde das Magnificat in der deutschen Übersetzung durch Martin Luther als Meine Seele erhebt den Herren zu einem bekannten protestantischen Choral. Strungk bettet diesen in einen kunstvoll ausgearbeiteten kontrapunktischen Satz.

Einen wichtigen Bestandteil der Liturgie stellte auch schon die Eröffnung des Gottesdienstes dar, zu der Präambeln und Präludien improvisiert oder auch komponiert wurden. Ebenso gebräuchlich waren sie als Intonationen zu den Chorälen. Solche Vorspiele konnten sich auch mit einer Fuge oder einer anderen Satzform verbinden, wie im Falle des Praembulum in d von Heinrich Scheidemann. Der einflussreiche Komponist und Organist genoss hohes Ansehen im Musikleben Hamburgs und war auch als Orgelprüfer im norddeutschen Raum tätig. Wie Jacob Praetorius, sein Freund und Kollege an der Hamburger Jacobikirche, war er ein ehemaliger Schüler Sweelincks. Finanziert hatte ihm die Zeit in Amsterdam die Hamburger Katharinen-Gemeinde. Den Vertretern der Hauptkirchen Hamburgs war offenbar sehr daran gelegen, ihren kommenden Organisten eine Ausbildung bei Sweelinck zu ermöglichen.

Matthias Weckmann kann man mit gutem Recht als Enkelschüler Sweelincks bezeichnen. Aufgewachsen als Sängerknabe der Dresdner Hofkapelle, wurde er von deren Kapellmeister Heinrich Schütz persönlich nach Hamburg gebracht, wo er fortan bei Jacob Praetorius studierte und Heinrich Scheidemann kennenlernte. Die Tastenvariationen über das Lied Lucidor einß hütt der Schaf schrieb Weckmann beeindruckend raffiniert im Umgang mit der Variationsmotivik.

Das Camphuysen-Manuskript umfasst im Wesentlichen einfache Werke für Tasteninstrument, die auf Psalmen und weltlichen Melodien basieren. Der Autor ist nicht bekannt, den Namen erhielt die Handschrift 1961 durch den Musikwissenschaftler Alan Curtis, der einen beachtlichen Verwandtschaftsgrad mit dem Liederbuch Stichtelycke Rymen des Niederländers Dirk Rafaelszoon Camphuysen (1586-1627) bemerkte,

einem reformierten Prediger und Dichter. Das Lied When Daphne From Fair Phoebus Did Fly handelt von der tragischen Flucht Daphnes vor Apollon, den der Liebesgott Eros mit einem Pfeil getroffen hat, und damit von der nicht erwiderten Liebe, die als starke Obsession in Erscheinung tritt. Es gliedert sich in drei Abschnitte, die jeweils wiederholt werden. Im Camphuysen-Manuskript werden bereits die direkten Wiederholungen variiert und anders koloriert. Dabei stellt der erste Satz das eigentliche Lied recht deutlich dar. Der zweite beginnt etwas bewegter, erhält aber einen zunehmend tänzerischen Charakter. Im dritten Satz macht sich eine gewisse Virtuosität bemerkbar; der tänzerische Charakter wird durch fließende Linien abgelöst, die sich auf ein gemeinsames Variationsmotiv stützen.

Jan Pieterszoon Sweelincks Variationen über den Choral Erbarm dich mein, o Herre Gott stellen dem etwas völlig anderes gegenüber. Jeder Variation liegt ein anderer Gestus zugrunde, und doch umspannt alle ein großer musikalischer Bogen. Dabei schafft jede einzelne Variation ihre ganz besondere Atmosphäre.

Waren Sweelincks Improvisationen ein Höhepunkt im kulturellen Leben Amsterdams, so verhalfen die Lübecker Abendmusiken ihrem Organisator Dietrich Buxtehude zu solch großer Berühmtheit, dass Johann Sebastian Bach an der Jahreswende 1705/06 eine Strecke von 400 Kilometern zurücklegte, um diesen Meister zu hören. Als Komponist und Organist zählt Buxtehude zu den wichtigsten Vertretern der Norddeutschen Orgelschule. Die von seinem Vorgänger und Schwiegervater Franz Tunder in der Lübecker Marienkirche eingeführten Abendmusiken gaben ihm die Möglichkeit, außerhalb der festgefügten liturgischen Ordnung konzertant in Erscheinung zu treten, sowohl als Orgelvirtuose wie auch als Komponist instrumentaler Ensemblewerke. Aber auch seine kantaten- oder oratorienartigen Vokalkompositionen fanden dort einen Platz. Orgelwerken Buxtehudes wie dem Praeludium in C wohnt ein signifikant konzertantes Wesen inne. Der Komponist scheut nicht davor zurück, dem Pedal ähnliche Virtuosität abzuverlangen wie den Fingern. So versteht er, die Atmosphäre einer festlichen Eröffnung vom ersten bis zum letzten Ton aufrechtzuhalten.

Robin Moll
Der Textbeitrag entstand im Rahmen einer Zusammenarbeit von musik + konzept e.V. mit dem Master-Studiengang Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik und Tanz Köln (Vertr.-Prof. Dr. Corinna Herr).

Der Raum und das Instrument

Die Ursulinen kamen während des Dreißigjährigen Kriegs 1639 aus Lüttich nach Köln. Erst 1651 erhielten sie die Genehmigung zum Daueraufenthalt und zur Gründung der ersten höheren Mädchenschule in Deutschland. 1671 konnten sie an der Machabäerstraße ein Grundstück unmittelbar an der mittelalterlichen Stadtgrenze erwerben (heute Unter Krahnenbäumen, vis-à-vis der Hochschule für Musik und Tanz Köln). 1673 wurde der Grundstein für das Kloster gelegt; der Bau der Klosterkirche ad cultum Divinum et honorem Venerabilis Sacramenti wurde erst Anfang des 18. Jahrhunderts begonnen. Der in Düsseldorf residierende bergische Herzog und pfälzische Kurfürst Johann Wilhelm und seine zweite Gemahlin Anna Maria Luisa de’ Medici waren den Ursulinen als Mäzene zugetan und stellten ihnen ihren Bensberger Schlossarchitekten zur Verfügung, den Venezianer Matteo Conte d’Alberti.

Die Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg bis auf die Außenwände und den Triumphbogen restlos zerstört. Nach zehnjähriger Aufbauarbeit konnten ab 1954 wieder Gottesdienste in der Kirche gefeiert werden. 1999 übernahm das Erzbistum Köln die Kirche von den Ursulinen. Umfangreiche Restaurierungsarbeiten begannen. Die Wiederherstellung der farblichen Fassung der Architektur innen wie außen ist dem Gestaltungskonzept Matteo Albertis verpflichtet. Wesentlich für die Raumwirkung war 2003 die Überführung des Kolumba-Baldachinaltars (1703) von St. Gereon in die Ursulinenkirche. Bänke und Kanzel stammen aus der niedergelegten Bonner Stiftskirche Johannes Baptist und Petrus. Ebenfalls 2003 erwarb die Hochschule für Musik und Tanz Köln eine Orgel des Orgelbauers Jürgen Ahrend (Leer/Ostfriesland), die eigens für den Raum konzipiert wurde. Das Instrument entspricht dem Typ der norddeutschen Barockorgel.

Hauptwerk (C-e’’’) Brustwerk (C-e’’’) Pedalwerk (C-e’)
Principal 8’
Viola di Gamba 8’
Hohlflöte 8’
Octave 4’
Spitzflöte 4’
Nasat 3’
Octave 2’
Mixtur 3-fach
Quintadena 8’
Holzgedackt 8’
Holzprincipal 4’
Octave 2’
Waldflöte 2’
Sesquialtera 2-fach
Dulcian 8’
Subbass 16’
Octavbass 8’
Posaunenbass 16’
Trompetenbass 8’
Manualkoppel | Pedalkoppel | Tremulant
Tonhöhe: a’ = 440 Hz | Stimmung: Werckmeister II modifiziert
Winddruck: 60mm Ws

Der Neubau nach historischem Vorbild und die Restaurierung der Kirche konnten in Zusammenarbeit mit dem Erzbischöflichen Generalvikariat, dem Rektorat der Ursulinenschule und dem Ministerium für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen realisiert werden. Die Kirche wird von der Hochschule für Musik und Tanz als Unterrichts- und als Veranstaltungsraum genutzt.

Mitwirkende

Léon Berben – Orgel