2025/2026: Konzert 7
Salterio doppio
Barocke Musik mit zwei Salterio-Partien aus Italien und Wien von Antonio Vivaldi, Francesco Bartolomeo Conti, Giovanni Battista Sammartini, Maria Antonia Walpurgis von Bayern, Joseph Starzer, Antonio Maria Bononcini, Antonio Soler u.a. Dorothee Mields – Sopran Elisabeth Seitz, Lisa Schöttl – Salterio Nuovo Aspetto
Sendung auf WDR 3 am 22.06.2026 ab 20.03 Uhr
Ungewöhnliche, aber originale Instrumentalkombinationen in der Musik des 17. und
18. Jahrhunderts sind eine Spezialität des Ensembles Nuovo Aspetto. Im gemeinsamen
Programm mit der Sopranistin Dorothee Mields lädt es jetzt zu einer Reise durch
europäische Musikzentren, die in Venedig beginnt. Dort hatte Antonio Vivaldi als
Musikmeister des Ospedale della Pietà gleich zwei Salteri
anschaffen lassen,
kunstvolle barocke Hackbretter, und sie in eigenen Kompositionen solistisch eingesetzt.
Das garantiert unerhörte
Klangerlebnisse.
Programmfolge
Chi m’addita la mia paceaus der Cantata La ministra son’io (Rom 1725) für Sopran, 2 Salterii, Streicher und Basso continuo Filippo Sugarelli (Mitte 18. Jahrhundert) Andantino G-Dur – Allegro D-Dur aus der Sinfonia à due Salterii e Basso für 2 Salterii und Basso continuo Maria Antonia Walpurgis von Bayern (1724–1780) Arie
Maris procellaaus der Cantata Amici Pastores (München 1741) für Sopran, Mandoline, Streicher und Basso continuo Antonio Vivaldi (1678–1741) Arie
Ho nel petto un cor si forteaus Il Giustino (Rom 1724) für Sopran, Salterio, Streicher und Basso continuo Joseph Starzer (1728 – 1787) Rondeau A-Dur aus dem Ballett La guirlande enchantée (Wien 1757) für 2 Salterii, Flöte, Streicher und Basso continuo Francesco Bartolomeo Conti (1682–1732) Arie
Dei colli nostriaus der Oper Il trionfo dell’amicizia (Wien 1711) für Sopran, Harfe, Mandoline, Baryton, Viola und Bass Pause Francesco Fulgenzio Perotti (Mitte 18. Jahrhundert) Concerto a due Salterii D-Dur
per Josepha(Venedig um 1760) für 2 Salterii, Streicher und Basso continuo Francesco Corselli (1705–1778) Rezitativ
Ch’io t’abbandoni– Arie
Tornata sereniaus der Oper Achille in Sciro (Madrid 1744) für Sopran, Salterio, Bläser, Streicher und Basso continuo Francesco Bartolomeo Conti Arie
Se mai dal crudo artiglioaus der Oper Archelao, re di Cappadocia (Wien 1722) für Sopran, Violoncello, Theorbe, Streicher und Basso continuo Antonio Bencini (um 1700–nach 1748) Grave g-Moll aus der Cantata Rappresentata la Notte del SS.mo Natale (Rom 1730) für 2 Salterii, 2 Traversflöten, Streicher und Basso continuo’ Antonio Soler (1729–1783) Villancico
Ciego y lazarillo(Madrid 1762) für Sopran, 2 Salterii, Streicher und Basso continuo
Silberklänge im Doppel
In einem Ensemble mit barocken Instrumenten ist das Salterio heutzutage eine Rarität,
die vom Publikum entsprechend bestaunt wird. Im 17. und 18. Jahrhundert war es das wohl
weniger – eine deutliche Sprache sprechen da die erhaltenen Instrumente, mehr aber
noch Dokumente wie Inventarlisten und Kaufunterlagen, nicht zuletzt natürlich die entsprechenden
Spielinstruktionen, Solostücke und Partien in Ensemblekompositionen. Aber eine Besonderheit
war sie auch damals, diese trapezförmige, in der Regel mehrchörig mit drei bis fünf
unisono gestimmten Metallsaiten pro Ton bezogene Kastenzither, der sich gezupft oder
mit Schlegeln angespielt so bezaubernd helle, geradezu ätherisch anmutende Töne entlocken
lassen. Hackbrett
ist im Deutschen eine gängige Bezeichnung für dieses Instrument,
will aber zu seinen poesievollen Klängen nicht so recht passen.
Vor allem in den romanischen Ländern war das Salterio im 18. Jahrhundert ein wahres Modeinstrument des Adels geworden, während man nördlich der Alpen anfangs die Gambe und dann die Traversflöte als standesgemäße Instrumente mit einem angemessen sanft-edlen Klang bevorzugte – zumindest für Personen männlichen Geschlechts. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts hatte man Salterio-Modelle entwickelt, die chromatisch spielbar waren. Hier teilte dann nicht mehr ein durchgängiger Quintsteg die einzelnen Saiten in zwei unterschiedliche Tonhöhen, hier ermöglichten gestückelte Stege neben Quinten und Quarten auch Terz-Aufteilungen, so dass auf dem Instrument alle Halbtöne verfügbar waren; bei der üblichen Grundstimmung entspricht der Tonumfang dann dem einer Violine vom g bis hinauf etwa zum e’’’.
Nicht nur in der Kammermusik, sondern auch in größer besetzten Werken planten viele Komponisten das Salterio mit ein, sparten sich seinen Solo-Einsatz aber für besondere Momente auf, während es sonst eher den Generalbasspart mitgestaltete und hell einfärbte. Gerne wurde das Instrument auch in Doppelbesetzung herangezogen.
Und so sind heute im Ensemble nuovo aspetto, das sich durch eine Besetzung mit vielerlei gezupften und gestrichenen Saiteninstrumenten auszeichnet, die Salterio-
Spielerinnen Elisabeth Seitz und Lisa Schöttl an ihren Instrumenten mal als Generalbass- Spielerinnen zu erleben, mal als Solistinnen und im Duo – letzteres miteinander, aber auch im Dialog mit der Sopranistin Dorothee Mields. Verschiedene Zentren des Salterio-Spiels rücken dabei in den Fokus: Venedig und Rom, Wien und Madrid.
Die italienischen Musikmetropolen hatte Johann Georg Reutter schon kennengelernt, als er 1731 in Wien zum kaiserlichen Hofkomponisten ernannt wurde. Als Kapellmeister am Stephansdom war er ab 1740 auch der Lehrer des Sängerknaben Joseph Haydn. Heute dient ein kurzer Streichersatz aus einer seiner Sinfonien als Einleitung zum ersten Solo-Auftritt des Salterio-Duos in einer Komposition von Ferdinando Bertoni. Der war seit 1752 Erster Organist am Markusdom in Venedig. Dort spielte das Salterio bereits seit der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts regelmäßig im Musikensemble mit – schon Claudio Monteverdi hatte als Kapellmeister an San Marco zwei solche Instrumente anschaffen lassen. Paarweise hat Bertoni das Salterio neben zwei Flöten und Streichern aber auch in der weltlichen Solokantate La reggia di Calipso eingesetzt, die 1769 im prunkvollen Ballsaal des Palazzo Rezzonico erklang – Ludovico Rezzonico war damals der politisch einflussreiche Prokurator von San Marco. In der Sinfonia versilbern die hellen Salterio-Töne den galanten Ensembleklang.
Paarweise standen die Salterii offenbar auch in den Ospedali zur Verfügung, den karitativen Bildungseinrichtungen Venedigs für musikalisch talentierte Waisenmädchen. Anfang der 1760er Jahre war Francesco Fulgenzio Perotti, ein Augustinerpater, der Salterio-Lehrer am Ospedale della Pietà. Sein Concerto per Josepha benennt im Titel zweifellos eine hervorragende Salterio-Spielerin unter seinen Schülerinnen. Gemeinsam mit ihr dürfte der Lehrer in diesem einsätzigen Werk in den ausgedehnten und hochvirtuosen Soloeinlagen geglänzt haben.
In Rom sorgte zu Beginn des 18. Jahrhunderts der Priester und Salterio-Virtuose Florio
Ubaldi für eine Vergrößerung des Tonumfangs an seinem Instrument, berichtet der römische
Jesuit Filippo Bonanni 1722 in seiner Instrumentenkunde Gabinetto Armonico: Er
erweiterte die Zahl der Saiten auf 29. Und indem er es wie eine Harfe spielte, erzeugte
er alle Akkorde, die man auf einem Cembalo hört, indem er es entweder mit den Fingern
arpeggiert spielte oder die Saiten mit Schlägeln anschlug.
Ubaldi machte damals
in Rom Furore mit seinem Spiel. So war er mit Sicherheit auch einer der beiden Salterio-
Interpreten in der geistlichen Kantate La ministra son io, die der Kastrat Nicolò
Grimaldi alias Nicolino zum Weihnachtsfest 1725 in Rom komponierte und sang. In der
Arie Chi m’addita la mia pace
ergehen sich die beiden Salterii im aparten
Triospiel mit der Generalbassstimme, die von den Violinen in der hohen Oktave verdoppelt
wird. In den Gesangsabschnitten schließt sich das erste Salterio dann der Vokalstimme
an.
Im Papstpalast erklang an Heiligabend 1730 eine Kantate von Antonio Bencini, der damals vermutlich als Kapellmeister an der Basilika San Lorenzo in Damaso wirkte. Das instrumentale Grave g-Moll führt je zwei Salterii, Flöten und Violinen in einem reizvollen Unisono-Klangmix über dem Fundament aus Bratschen und Bassinstrumenten.
Wo 1749 die Sinfonia für zwei Salterii und Basso continuo von Filippo Sugarelli erklang, lässt sich heute nicht mehr sagen. Die Jahreszahl findet sich im einzig erhaltenen Manuskript des Werks; von seinem Komponisten weiß man nur, dass er 1760 als Sänger bei der Uraufführung von Tommaso Traettas Oper I Tindaridi in Parma mitwirkte. Immer wieder verlangt Sugarelli in seiner reizvollen Triosonate von den beiden Soloinstrumenten auch mehrstimmiges Spiel.
Eine Besonderheit in der Besetzung der Weihnachtskantate Amici Pastores aus
dem Jahr 1741 ist die Mandoline, ein Sopraninstrument der Lautenfamilie, dessen Saiten
zu dieser Zeit mit den Fingern gezupft wurden. Ihren Soloauftritt hat sie in der Arie
Maris procella
, in der ein Engel vor den Hirten auf dem Felde vom Leuchten
des Sternes über dem Geburtsort des Jesuskindes singt. Überliefert ist das Werk in
einer Partitur aus dem Besitz der Maria Antonia Walpurgis von Bayern. Ob die sängerisch
und kompositorisch begabte Prinzessin damals im Alter von 17 Jahren in München ein eigenes
Werk kopieren ließ oder doch eine Komposition etwa des bayerischen Hofkapellmeisters
Giovanni Porta, lässt sich heute nicht mehr entscheiden.
Der Venezianer Antonio Vivaldi hat das Salterio-Solo in seiner Oper Il Giustino
offensichtlich für Florio Ubaldi in Rom geschrieben, denn dort erlebte das Werk zum
Karneval 1724 seine Uraufführung. Eigens für die Arie Hò nel petto un cor si
forte
entwarf Vivaldi eine entsprechend schillernde Solopartie, in der sich das
Seelenleben des Titelhelden spiegelt. Während der Salterio-Passagen schweigen die Instrumentalbässe,
und so kann das subtile Spiel zwischen Altstimme und Soloinstrument in all seinen Schattierungen
zur Geltung kommen.
Als Geiger und Ballettkomponist in Wien machte sich Joseph Starzer während der 1750er Jahre in der Zusammenarbeit mit dem Choreographen Franz Anton Hilverding einen Namen; ihm folgte er auch für knapp zehn Jahre an den russischen Zarenhof. Das Ballett La guirlande enchantée entstand 1757, im Jahr vor dem Aufbruch Richtung St. Petersburg, für das Burgtheater. Zu einem Rondeau in A-Dur webt Starzer auf bezaubernde Weise die Farben zweier Salterii in den koketten Streichersatz; ein Moll-Abschnitt gibt einer Flöte Gelegenheit zum einem Solo-Auftritt.
Eine Generation zuvor gehörte in Wien Francesco Conti als Compositore e
Theorbista di Cammera zu den beindruckenden Virtuosen, die auch kompositorisch das
hohe musikalische Niveau der Hofkapelle vorgaben. In der Arie Dei colli nostri
aus der Oper Il Trionfo dell’Amicizia e dell’Amore von 1711 bezieht er gleich
mehrere Kapellkollegen an gezupften und gestrichenen Saiteninstrumenten solistisch mit
ein, um über dem Fundament aus Violoncello und Kontrabass in geradezu elysischen Klängen
den Soprangesang der Delmira zu begleiten. Die Mandoline spielte Conti wahrscheinlich
selbst; das Baryton, eine Gambe mit Resonanzsaiten, strich möglicherweise ein Mitglied
des Kaiserhauses oder aber der Hofgambist Franz Anton Schmidbauer.
Eine ebenso
erlesene Instrumentierung wählte Conti 1722 in der Karnevalsoper Archelao, re di
Cappadocia für die ausgedehnte Arie der Ladice Se mai dal crudo artiglio
.
Wiederum präsentierte er sich vermutlich selbst als Solist an der Seite der Sängerin
Anna d’Ambreville. Denn eine Theorbe und ein Violoncello symbolisieren hier die beiden
Schwalben, die zunächst unbehelligt ihre Bahnen ziehen, dann aber vor den scharfen Krallen
eines wütenden Falken zurückschrecken. Da setzt die Theorbe vollgriffige Akkorde über
den Sechzehntel-Passagen des Violoncellos, das damals der Vizekapellmeister Antonio Caldara
gespielt haben dürfte.
Als erfahrener Opernkomponist mag Francesco Corselli aus seiner italienischen Heimat Parma die Idee an den Hof von Madrid gebracht haben, das Salterio solistisch einzusetzen. Mit dessen hellen Tonfolgen lässt der spanische Hofkapellmeister 1744 im dritten Akt seiner Oper Achille in Sciro den Schimmer der Hoffnung durch alle liebesbewegten Sorgen des Titelhelden hindurchscheinen. Ihr ausgedehntes Instrumentalritornell wirkt fast schon wie ein Concerto per molti stromenti in seinem changierenden Wechselspiel zwischen Salterio, Streichern, Bläsern und Generalbass. Dann bringt sich noch der Sopran als weitere konzertierende Stimme in das vielschichtige und doch erstaunlich transparent angelegte Spiel ein.
Dass zur Mitte des Jahrhunderts auch am spanischen Hof der Klang des Salterios zu
Weihnachten gehörte, beweist der Villancico Ciego y lazarillo von Antonio
Soler aus dem Jahr 1762. Der Kapellmeister und Organist an der Klosterkirche des
Escorial-Palastes schildert hier mit musikantischem Schwung die Begegnung eines blinden
Dudelsackspielers mit der Engelsmusik: Oh, wie süß schwingt der galizische Dudelsack
mit dem Salteriospiel!
Mitwirkende
Nuovo Aspetto
Elisabeth Seitz, Lisa Schöttl – Salterio
Johanna Seitz – Harfe
Michael Dücker – Theorbe, Mandoline
Leonard Schelb, Mona Grosam – Traversflöte
Mónica Waisman, Frauke Pöhl – Violine
Corina Golomoz – Viola
Ulrike Becker – Violoncello, Baryton
Miriam Shalinsky – Kontrabass
Wiebke Weidanz – Cembalo