2026/2027: Konzert 1
Per Dresda
Instrumentalmusik aus dem Repertoire der kursächsischen Hofkapelle von Jan Dismas Zelenka, Johann David Heinichen, Johann Georg Pisendel u.a. Ensemble 1700 Ltg. Dorothee Oberlinger – Blockflöte
Sendung auf WDR 3 am 28.10.2026 ab 20.03 Uhr
Der Glanz des sächsischen Barocks ist noch heute geradezu sprichwörtlich. Kurfürst August der Starke und sein Sohn,
der vermutlich Blockflöte spielte, scheuten weder Kosten noch Mühen, um die Residenz prachtvoll auszustatten und
die berühmtesten Virtuosen ins Elbflorenz zu ziehen. Dorothee Oberlinger und ihr Ensemble 1700 zaubern herrliche
Musik aus dem legendären Schranck No: II
der einstigen kursächsischen Hofbibliothek hervor, in dem der
Konzertmeister Johann Georg Pisendel die glanzvollsten Instrumentalwerke verwahrte.
Programmfolge
Musikalischer Preziosenschrank
Man müsse nur nach Dresden blicken, um zu erkennen, was eine angemessene Bezahlung der Musiker bewirke, schrieb Johann Sebastian Bach im August 1730 seinen Leipziger Vorgesetzten ins Stammbuch. Wenn sich dann noch jeder Musiker auf ein Instrument spezialisieren könne, müsse „was trefliches und excellentes zu hören seyn.“ In der Tat hatte sich die Hofkapelle des sächsischen Kurfürsten im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts zu einem Instrumentalensemble entwickelt, das in Europa seinesgleichen suchte. Neben Friedrich August I., der seit 1697 als König August II. auch über Polen herrschte und als August der Starke in die Geschichte einging, hatte sein gleichnamiger Sohn, der ihm 1733 in der Regentschaft folgen sollte, die längst international besetzte Hofmusik entscheidend geformt. Angefangen hatte das damit, dass Friedrich August II. auf seiner Kavalierstour durch Europa vor allem in Italien Musiker rekrutierte – so auch den dort weilenden Johann Gottfried Heinichen, der bald zum Dresdner Hofkapellmeister avancierte. Dem talentierten Hofgeiger Johann Georg Pisendel hatte der Kurfürst außerdem 1716 in Venedig einen Meisterkurs beim Starviolinisten und Meister des Solokonzertes spendiert: Antonio Vivaldi, der den Dresdner Hof seither mit Kompositionen bedachte.
Während die Hofkapellmeisterstelle nach dem frühen Tod Heinichens 1729 erst einmal vier Jahre lang unbesetzt blieb und nachfolgend der neue Amtsinhaber Johann Adolf Hasse immer wieder monatelang mit seiner Gattin, der Starsängerin Faustina Bordoni, durch Italien tourte, sorgte Pisendel als Konzertmeister für den Zusammenhalt und das hohe Spielniveau der Dresdner Instrumentalisten. Er legte auch jene umfangreiche Musikaliensammlung von etwa 1.800 Kompositionen an, die später in einem Notenschrank der katholischen Hofkirche unterkam und noch heute als der Bestand aus Schranck No: II in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden aufbewahrt wird.
Dorothee Oberlinger und ihr Ensemble 1700 stellen heute exemplarisch eine höchst abwechslungsreiche Auswahl aus diesem Repertoire vor. Die zeigt einige der kursächsischen Virtuosen als Komponisten, die genau wussten, wie sie die eigenen Fähigkeiten und die ihrer Kapellkollegen besonders wirkungsvoll zur Geltung bringen konnten. Deutlich wird aber auch, welch prominente Köpfe damals von außerhalb Musik nach Dresden lieferten. Dass sich mit einer Widmung von Vivaldi aber kein Exklusivitätsanspruch verband, zeigt das Beispiel des Pisendel zugedachten d-Moll-Concertos RV 242. 1725 taucht es als Nummer 7 im berühmten Amsterdamer Vivaldi-Druck Il Cimento dell’Armonia e dell’Inventione op. 8 wieder auf, in dem sich auch die Vier Jahreszeiten finden. Davon ausgehend, kombinierte der französische Komponist und Bearbeiter Nicolas Chédeville das Allegro des d-Moll-Konzerts 1739 mit anderen Vivaldi-Sätzen zu einem Werk für Musette und Drehleier. Dorothee Oberlinger präsentiert nun ein eigenes Vivaldi-Pasticcio à la Chèdeville – aber natürlich mit Blockflöte als Soloinstrument.
Man kann davon ausgehen, dass die Mehrzahl der Dresdner Concerti, Quartette, Trio- und Solosonaten von den Mitgliedern der Capell- und Cammer-Musique vor einer erlesenen Hofgesellschaft präsentiert wurde. Pisendel vermittelte zudem Gasthörer-Plätze in einem Nebenraum an Personen niederen Standes. Als Interpreten darf man sich neben ihm Künstlerpersönlichkeiten wie die königlich-kurfürstlichen Oboisten François Le Riche und Johann Christian Richter vorstellen, den Fagottisten Johann Gottfried Böhme und den Lautenisten Silvius Leopold Weiss.
Auch der Florentiner Geigenvirtuose Francesco Maria Veracini zählte für einige Jahre zu den Dresdner Musikern. Dem Kurprinzen hatte er 1716 in Venedig einen Druck mit zwölf Sonaten alternativ für Violine oder Blockflöte gewidmet (die Flöte spielte der Widmungsträger vermutlich selbst). Veracinis Engagement endete aber 1722 nach wiederholten Eklats mit der von Pisendel geleiteten Hofkapelle und einem verzweifelten Sprung aus dem zweiten Stock seiner Wohnung; seitdem hinkte er. Seine wohl noch 1715 am Düsseldorfer Hof komponierte Ouvertüre g-Moll zeigt, dass sich Veracini auf die in Deutschland beliebte Mischung aus tänzerischem französischem und virtuos-melodiösem italienischem Stil bestens verstand. Das abschließende Menuett mit seinen Unisono-Führungen zeugt von musikalischem Humor.
Mit reichlich kontrapunktischem Ernst ging der Böhme Jan Dismas Zelenka selbst in seinen weltlichen Werken ans Komponieren. Seit etwa 1710 stand er als Kontrabassist in Dresdner Diensten; ein Studienaufenthalt beim Wiener Oberkapellmeister Johann Joseph Fux vermittelte ihm um 1717 das nötige Rüstzeug in der Kanon- und Fugenkunst. Seine neun Canones stammen aus diesen Jahren; die genialische Hipocondrie à 7 zeigt aufs Schönste, wie Zelenka seine komplexe musikalische Denkweise später in die für Dresden typischen Concerti mit mehreren Soloinstrumenten einfließen lässt.
Johann Joachim Quantz ist als Flötenlehrer Friedrichs II. von Preußen in die Musikgeschichte
eingegangen. Zuvor war er aber Oboist und Blockflötist am Dresdner Hof, wo ihm der ältere französische Kapellkollege Pierre-Gabriel Buffardin das Spiel auf der modischen Traversière beibrachte. Das unter Buffardins Namen überlieferte Flötenkonzert zeichnet sich durch eine an Vivaldi erinnernde italianità aus. Wie sein Dresdner Kompositionslehrer Pisendel für die Violine hat Quantz für die Flöte reizvolle Solowerke ohne Begleitung vorgelegt, in denen die zugrundeliegenden Harmonien unsichtbar, aber nicht unhörbar mitschwingen. Kostproben daraus erklingen jetzt als Blockflötensoli.
Als „Probierstein eines echten Contrapunctisten“ und „Gelegenheit, wobey mancher, der in seiner Wissenschaft nicht recht gegründet ist, zu Falle kommen kann“, charakterisierte Quantz noch in seinen Berliner Jahren Sonaten für drei konzertierende Stimmen und Basso continuo – und nannte dabei den Hamburger Musikdirektor Georg Philipp Telemann als nachahmenswerten Meister solcher Quartette. Telemann gehörte wie sein Bewunderer Johann Friedrich Fasch, der Kapellmeister im anhaltischen Zerbst, zu den treuen musikalischen Hoflieferanten Dresdens.
Wie das elegante Concerto von Charles François Dieupart, einem französischen Cembalisten und Geiger, der lange in England wirkte, in die Sammlung Pisendels kam, lässt sich heute nicht mehr klären. In einem Netzwerk führender musikalischer Köpfe Nord- und Mitteldeutschlands herrschte jedenfalls in diesen Zeiten ein reger Postaustausch von Notenmanuskripten. So mag auch Anna Magdalena Bach in Leipzig an jene beiden Menuettsätze aus einer Suite des Dresdner Kammercembalisten und Sophienkirchen-Organisten Christian Petzold gekommen sein, die sie eigenhändig in ihr 1725 angelegtes Notenbüchlein eintrug. Vielleicht hat sie ihr Gatte aber auch von einem seiner Dresden-Besuche mitgebracht: Johann Sebastian Bach war dort ein gern gesehener und gehörter Gast und kollegial befreundet mit Weiss, Zelenka und Pisendel. Als Petzold im Mai 1733 überraschend verstarb, wurde dann auch niemand anderes als der älteste Sohn des Thomaskantors der neue Sophienorganist: Wilhelm Friedemann Bach. Seine Musik ist dann in zwei Wochen im nächsten Forum Alte Musik zu erleben.