Saison 2009/2010: Konzert 7

Sonntag, 25. April 2010 17 Uhr Deutschlandfunk, Kammermusiksaal

Concert Français

Werke von Jacques Hotteterre le Romain, Nicolas Chédeville, Anne Danican Philidor u. a. Ensemble 1700 Ltg. Dorothee Oberlinger – Blockflöte François Lazarevitch – Musette Vittorio Ghielmi – Gambe Dorothee Oberlinger Sendung im Deutschlandfunk am 18.5.2010

Der französische Adel des 17. und 18. Jahrhunderts erging sich gerne in der freien Natur, um sich in sentimental-preziösem Rollenspiel am einfachen Landleben zu ergötzen. Dazu gehörte das gemeinsame Musizieren in modischer Schäfertracht auf vermeintlich rustikalen Instrumenten wie Blockflöte, Vielle und Musette, die allerdings zu diesem Zweck aus teuren Materialien hergestellt, prächtig ausgestattet und technisch verbessert waren. Arkadisches Flair aus dem barocken Versailles bieten Dorothee Oberlinger und ihr Ensemble 1700 gemeinsam mit dem Virtuosen des französischen Dudelsacks, François Lazarevitch, und dem renommierten Gambisten Vittorio Ghielmi.

Programmfolge

Jean Hotteterre (1677-1720)
»La Noce Champêtre ou LíHimen Pastoral«
für 2 Sopraninstrumente und B.c.
Prélude: Appel pour rassembler la troupe – Sarabande LíHimen – Ouverture Le Festin – Menuet 1 – Menuet 2 – Contredanse – Le Coucher – Le Réveil Matin

Monsieur de Sainte-Colombe (1640-um 1700)
Concert »Les Regrets« für 2 Gamben

Jean-Marie Leclair (1697-1764)
Sonate à 3 in D für Blockflöte, Gambe und B.c.
Adagio – Allegro – Sarabanda. Largo – Allegro assai

François Couperin (1668-1733)
»La Rossignol en amour« für Blockflöte und B.c.

Nicolas Chédeville (1705-1782)
»Les Plaisirs de LíEté«
für Blockflöte, Violine, Musette und B.c.

Pause

Anne Danican Philidor (1681-1728)
Sonate in d aus dem Premier Livre de Pièces
für Blockflöte und B.c.
Lentement – Fugue – Courante – Gracieusement – Fugue

Robert de Visée (ca. 1660-1732)
Passacaille in g für Theorbe

Joseph Bodin de Boismortier (1689-1755)
Trio Nr. 5 a-Moll aus den Sonates en trio suivies díun concerto op. 37
für Violine/Blockflöte, Gambe und B.c.
Vivace – Largo – Allegro

Jacques Martin Hotteterre Le Romain (1674-1763)
»Líautre jour ma Cloris« aus den »Airs e Brunettes«
für Traversflöte solo

Pièces à deux Flûtes avec une Basse adjoutée
Les Delices, ou le Fargis – Rondeau: Le Champêtre – Nommé par le Roy – Les Échos

Antoine Dornel (1685-1765)
Chaconne aus der Suite en trio in D
für 2 Sopraninstrumente und B.c.

Der Charme des Pastoralen

Die musique champêtre, die »ländliche« Musik, war im Frankreich des späten 17. und des 18. Jahrhunderts ein beliebtes Genre. Die Aristokratie sehnte sich nach einer abgeschiedenen Idylle und Natürlichkeit jenseits des starren höfischen Zeremoniells und imitierte das vermeintlich einfache und sorglose Landleben. Man begab sich an zurückgezogene Orte oder traf sich in geheimnisvoll angelegten Parks zu nächtlichen Spielen, oft kostümiert wie Figuren der italienischen commedia dell'arte, zu frivolen Schäferspielen und intimen Konzerten, zum amourösen tête-à-tête und zur zärtlichen Konversation. Man frönte dem Müßiggang. Ludwig XIV., der sich und seinen Hofstaat gerne mit der Aufführung kleiner Bauernschwänke unterhielt, schlüpfte oft selbst in die Rolle des Bauern. Und zwei Generationen später ließ sich Marie Antoinette im Park ihres Lustschlosses Petit Trianon einen kleinen Weiler, das Hameau de la Reine, bauen, wo sie selbst Kühe molk und als Schäferin verkleidet Schäfchen an seidenen Bändern herumführte. Ein Zeugnis von solch illustren Zusammenkünften des Adels geben uns heute zahlreiche Gemälde und Zeichnungen aus jener Zeit. So wurde Jean-Antoine Watteau, den man 1717 als Maler der fêtes galantes in die Pariser Académie royale de peinture et de sculpture aufgenommen hatte, zum Synonym für ein neu entstehendes und in der Folge reiches Genre.

Das heutige Konzert möchte diesem arkadischen Flair in der französischen Barockmusik nachspüren. Einige der Kompositionen verweisen schon in ihren Titeln auf einen Unterhaltungszweck bei den pastoralen fêtes galantes. Die Besetzungsangaben dieser Werke nennen Instrumente wie Blockflöte, Musette (Dudelsack) oder Vielle à roue (Drehleier), die mit einer ländlichen Musik verbunden werden. Das wohl charakteristischste »ländliche« Instrument des heutigen Konzertprogramms ist die Musette. Sie gehörte zu den Lieblingsinstrumenten Ludwigs XIV.; in den Bildern Watteaus ist das Motiv des französischen Adels, der sich auf einer Landpartie beim Tanz einer solchen Musette amüsiert, häufig zu finden. Die Musette wurde vor allem durch die Instrumentenbauerfamilie Hotteterre entwickelt. Jean Hotteterre (»Le Pére«) ließ sich vermutlich um 1640 in Paris nieder und kam noch unter Ludwig XIII. als Oboen- und Musettespieler in die Grande Ecurie der königlichen Hofkapelle. Gemeinsam mit seinem Sohn Martin vervollkommnete er das damals in Frankreich äußerst beliebte Instrument mit kleinem Blasebalg und stimmbaren Bordunpfeifen. Martin Hotteterre erweiterte den Umfang der Musette, indem er ihr eine zweite Pfeife hinzufügte und es damit möglich machte, auch chromatisch zu spielen. Jacques-Martin Hotteterre (»Le Romain«), ein Sohn Martins, der heute noch vor allem als Flötist ein Begriff ist, spielte mindestens ebenso gut die Musette, für die er übrigens 1737 auch eine besondere Anleitung schrieb. Schon dreißig Jahre zuvor waren seine Principes de la Flûte Traversière erschienen, die erste Flötenschule der Musikgeschichte. Die charmanten Stückchen Les Délices und Rondeau le Champêtre entstammen der zweiten Folge seiner Pieces a deux Flûtes avec une Basse adjoutée.

Jean Hotteterre, der Bruder von Jacques-Martin Hotteterre, war Oboist, Musette-Spieler und Mitglied der Grande Ecurie. Von seinen Kompositionen ist nur die Suite La Noce Champêtre ou l'Himen Pastoral überliefert, die aus einer Folge von Episoden rund um ein rustikales Hochzeitsfest besteht. So beginnt das Werk mit dem Zusammenrufen der Hochzeitsgäste (Prélude: Appel pour rassembler la troupe). Nach der Hochzeitszeremonie (Sarabande L'Himen) schließt sich das Fest mit Tänzen und Musik. Es folgt die ausdrucksvolle Schilderung der Hochzeitsnacht (Le Coucher) – bis am nächsten Morgen der Weckruf (Le Réveil) ertönt.

Eine weitere Reminiszenz an die große Zeit des Sonnenkönigs bilden die Kompositionen des Monsieur de Sainte-Colombe, von dem man heute nicht einmal mehr den Vornamen kennt. Dabei war er in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts der wohl bedeutendste Gambist in Paris – bis ihm sein einstiger Schüler Marin Marais den Rang ablief. Neben Marais kommen für die Gamben-Duos von Sainte-Colombe noch andere Musikpartner in Betracht: So wird berichtet, dass er in Paris mit zweien seiner Töchter Konzerte gab, und um einen Sohn des Meisters dürfte es sich bei jenem Sainte-Colombe le Fils handeln, der 1713 als Gambenvirtuose in London gastierte.

Auch François Couperin trug seit seiner Ernennung zum Hoforganisten im Dezember 1693 mit seinen Cembalostücken und den kammermusikalischen Concerts royaux zum Unterhaltungsrepertoire für den Sonnenkönig bei – »an nahezu allen Sonntagen des Jahres«, wie Couperin im Vorwort der Concerts betont. In seinen Pièces de Clavecin von 1722 findet sich La Rossignol en amour, ein arkadisches Bild der verliebt singenden Nachtigall, das in der Ausführung mit Flöte in besonders intensiven Farben erscheint.

Wie Couperin war auch dessen Zeitgenosse Antoine Dornel von Haus aus Organist, und auch er widmete sich immer wieder der Ensemblekomposition. 1709 gab er seine Six Suites en Trio heraus, in denen die Form der Chaconne nicht fehlen durfte: eine gravitätisch anhebende und zunehmend virtuosere Folge von Variationen über ein beständig wiederkehrendes Bassmodell, das man in Versailles besonders gerne an das Ende einer musikalischen Aufführung setzte. Der Chaconne eng verwandt als Variationsfolge über einem Ostinato-Thema ist die Passacaille, der Robert de Viséem ein Lautenist und Gitarrist im Umfeld des Hofes, sich immer wieder zum Vergnügen Ludwigs XIV. und des Dauphins widmete (den er ab 1719 auch auf der Gitarre unterrichtete). Seine Pièces von 1716 hat Visée ausdrücklich auch der Theorbe zugedacht, der großen Basslaute, die man inzwischen nicht mehr nur als Begleitinstrument in der Basso-continuo-Gruppe hören wollte, sondern auch solistisch.

Einer weiteren bedeutenden Hofmusikerdynastie neben den Hotteterres entstammte Anne Danican Philidor. Wie so viele seiner Verwandten war er in erster Linie als Oboist tätig. 1712 wurde er zum Mitglied der Petits Violons du Chambre du Roi ernannt, und dem Repertoire dieser musikalischen Elitetruppe ist auch sein erstes Livre de Pièces pour Flûtes, Violons et Hautbois zuzurechnen, das im selben Jahr im Druck erschien.

In die spätere Zeit der Regentschaft Ludwigs XV. fallen die Werke von Nicolas Chédeville, Jean-Marie Leclair und Joseph Bodin de Boismortier. Chédeville war ein berühmter Oboist und vor allem Musette-Spieler in Paris. Seine Kompositionen zeigen deutlich den zunehmend italienischen Einfluss in der französischen Musik, den schon Couperin als Réunion des goûts propagierte. In der Stadt Paris fühlte man sich allmählich weit genug entfernt vom höfischen Versailles und aus der Sichtweite des Monarchen, so dass man auch dem »unpatriotischen« Geschmack ohne Angst vor königlicher Zensur nachging.

Doch bleibt auch hier ein ausgeprägt französischer Anteil im Kompositionsstil unüberhörbar. Als großer Bewunderer der italienischen Musik und Freund von Kompositionen in jenem pastoralen Kolorit, in dem sein Dudelsack-Instrument am besten zur Geltung kam, veröffentlichte Chédeville 1739 Les Printemps ou Les Saisons Amusantes für Musette oder Drehleier, Violine, Flöte und Basso continuo – ein modisches Arrangement von Antonio Vivaldis Konzerten Opus 8 mit den berühmten Vier Jahreszeiten. Aus dieser Bearbeitung wird heute der »Sommer« zu hören sein.

Leclair wurde kurz vor der Jahrhundertwende in Lyon geboren und begann seine Musikerkarriere gleichermaßen als Balletttänzer und als Violinist. In Turin fand er in Giovanni Battista Somis einen hervorragenden Instrumentallehrer, und die dort vermittelte technische Meisterschaft auf der Violine verschaffte ihm schnell das Entrée in die Pariser Gesellschaft. Ihr stellte er sich 1723 mit der Veröffentlichung eines ersten Bandes von generalbassbegleiteten Violinsonaten auch als Komponist vor; 1731 folgten die ersten Triosonaten. In ihnen gestattete er sich für französische Verhältnisse besonders viel Italianità und führte dabei seine überragende kompositorische Meisterschaft in der kontrapunktischen Verzahnung der Stimmen vor.

Boismortier stammte aus Lothringen und kam auf dem Umweg über Perpignan ebenfalls erst in den 1720er Jahren nach Paris. Das elegante Trio aus den Sonates op. 37 von 1732 darf beispielhaft für seinen charmanten Kompositionsstil stehen, mit dem er als fruchtbarster Komponist seiner Zeit in die Annalen der französischen Musikgeschichte eingehen konnte – und als entsprechend reicher Mann.

Dorothee Oberlinger/behe

Mitwirkende

Ensemble 1700
François Lazarevitch – Musette
Vittorio Ghielmi – Gambe
Mónica Waisman – Violine
Rodney Prada – Viola da Gamba
Alexander Puliaev – Cembalo
Thomas C. Boysen – Laute
Dorothee Oberlinger – Blockflöte, Ltg.